Hier erhalten Sie einen Überblick über alle Logbuch-Eintragungen chronologisch geordnet.
 Bernt Lüchtenborg - sail2horizons

08.06.2010 22:43:35
63.Seetag – Es ist bitter die erkämpften Meilen wieder hergeben zu müssen, noch schlimmer das Gefühl in der Nacht fast das Schiff zu verlieren! Bei Schauerböen von 60kn die in die Ankerbucht fegen, stecke ich zu 50m Kette, 30m Leine. Dennoch bricht der Anker aus dem Grund. Nach neuem Ankermanöver wiederholt sich der Horror, doch als ich Leine und Kette an Bord habe, (mit gestauchtem Handgelenk!) fehlt die Ankerpiek. Vermutlich unter einem Fels vom gewaltigen Winddruck abgerissen. Irre durch die Nacht in schweren Schauerböen die mir am Scherenschnitt der Isla Noir den Rest an Orientierung nehmen. Wohin? Der Orkan gibt mir keinen Raum zum Nachdenken. Es gilt die Nacht zu überleben und dem Verstand zu folgen. Mit meiner Handverletzung und der zu reparierenden Aries laufe ich vor dem Wind nach Ushuaia ab. Bin unsagbar enttäuscht wg. der Unterbrechung. Andererseits lebt dieser unglaubliche Törn von den Geschichten des Abenteuers sich immer wieder auf neue Situationen einzustellen. Damit umzugehen, fertig zu werden. Aufgeben ist zu einfach. Morgen durch die Gletscherwelt Feuerlands, dann in Ushuaia reparieren, ein anständiges Asado, Mund abwischen und weiter Kurs West !!

08.06.2010 05:27:39
62. Seetag – Der Törn um Kap Hoorn war im Vergleich zu dem, was ich in den letzten 3 Tagen erlebe, relativ einfach. Doch nun kommt es knüppeldick. Von zwei Brechern bei 45kn und 6m Welle erwischt. Der erste legt uns brutal auf die Seite, wobei die Aries aus dem Rudern läuft. Während ich sie auskuppel, um per Hand zu steuern, rauscht die nächste Welle heran und drückt Horizons bis unterhalb der Bordkante ins Meer. In der Bewegung knalle ich gegen die Steuersäule, wobei mein Handgelenk dem Alu nachgibt. Anschl. hänge ich ausserhalb der Reeling im Wasser. Nur die Leine verhindert, dass die See mich durchwinkt. Schlimmer hat es die Aries erwischt. Der Zahnkranzring ist glatt weggebrochen, wodurch die Windfahne den Betrieb eingestellt hat und mit Bordmitteln nicht zu reparieren ist. Liege in Lee der Isla Noir vor Anker. In schweren Orkanböen die mit 60kn Wind, über den unbewohnten Felsen fegen, leg ich Schiff und Mannschaft trocken, verarzte mein Handgelenk, das stark angeschwollen ist und höllisch schmerzt und fahre drei Ankermanöver weil in den starken Böen der Anker glatt rausgerissen wird.

06.06.2010 21:34:32
61. Seetag – Log: 7199 sm - Kap Hoorn liegt achteraus, aber der wirklich harte Teil des Törns beginnt erst jetzt gegen die vorherrschenden winterlichen Westwinde und den Southern Ocean Current. Doch zunächst heißt es, sich vom Land frei zukreuzen und schnellstmöglich vom Kontinentalsockel zu kommen, wo jene gefürchteten Monsterseen entstehen, die dieses Revier so gefährlich machen. Nur der harte West-Nordwestwind mit 40 Kn und 6m hoher Welle lässt das nicht zu. Eigentlich ist das Segeln mit 60° am Wind okay, nur wenn an Stb in 6sm Distanz fiese Felszacken aus dem schäumenden Wasser ragen, ist das Psycho-Terror. Aber ich muss das Risiko eingehen. Es ist meine einzige Chance nach Nordwesten zu segeln Würde ich südwestlich ablaufen, steigt die Eisberggefahr zu dieser Jahreszeit enorm. Bei 4° ist die Luft gefüllt mit Gischt und Schneeschauern. Die weiße Schicht wird sofort vom Salz weggefressen. Jede Meile musst du dir erkämpfen, beissen und kratzen. Durchgeweicht bis auf die Knochen, jagen wir durch eine rabenschwarze Nacht. Seen brechen sich. Eiskaltes Wasser schiesst an Deck nach achtern und wäscht alles weg, was im Wege steht.

03.06.2010 23:16:01
59. Seetag – Log: 6884sm - Wo sich der Atlantik mit dem Pazifik um die Herrschaft am legendären Felsen streitet, verkündet der Chronist: Am 3.6.um 18hutc auf 56°S, 67°20’W ist Kap Hoorn gerundet. Horizons segelt als 1.Yacht auf einer doppelten Weltumseglung, von Las Palmas nach Las Palmas, in einem Jahr bei ca. 35.000sm, dreimal über den Äquator und das zweite Mal um Kap Hoorn! Im Rausch der kleinen Siege knabber ich am Adrenalin, trink einen heißen Grog und bin besoffen vom Glück! Schau meinen Gedanken hinterher und versuche den Mythos der Seefahrt zu fassen. Kap Hoorn hat Spiritualität. Die Atmosphäre packt dich. Man wird runter gerissen in Gedanken an die Tragödien und Schicksale die sich an dieser Stelle abgespielt haben. Man denkt an Schiffe, die hier zermalmt wurden und an Menschen die in letzter Verzweiflung hier dem Tod ins Antlitz sahen. Im Atem des Klabautermannes entdeckt die kleine Nadel des Barometers wieder die Schwerkraft. Das nächste Tief rauscht heran. Im Niemandsland kreuzen wir gegen einen eiskalten West mit 35kn. Vor uns ein neuer Ozean, ein neues Ziel: Steward Island südl. Neuseeland/4200sm.

02.06.2010 21:53:33
58.Seetag – Erwische perfekt den mitlaufenden Ebbstrom von 5Kn in der Le Maire Strait. Beim Durchzug einer Front springt der Wind plötzlich von NW auf Südwest und fegt mit 35kn direkt entgegen. Wind gegen Strom. Die Konstellation die ich vermeiden wollte. Segeln gegen die Wand. Zick Zack im Whirlpool der Meerenge. 14 Meilen für eine ganze Nacht. Die Eintrittskarte zur Kap Region ist hart erkämpft. Die Landschaft ums Hoorn legt sich aufs Gemüt. Hingeworfene Trostlosigkeit aus seelenloser Ödnis und nackten Felsen. Die Luft ist schwer, die Dünung hoch. Warwick Tomkins schreibt :„An der Spitze aller Synonyme für die Grausamkeit der See steht der unerbittliche Name Kap Hoorn. Stürme toben woanders ebenso wie südlich des 50. Breitengrades. Wellen steigen woanders auch zu so hohen Brechern an. Vermutlich gibt es noch irgendwo solche trostlosen, abgelegenen Orte, solch bedrohliche Strömungen. Von allem mag der Seemann da und dort einen einzelnen oder zweien begegnen und ihnen trotzen, aber insgeheim wird er sich immer fragen, ob er es wohl mit allen zusammen am Hoorn aufnehmen könnte“ Foto: mit Auryn 03 nach 1.Kap Rundung vor Anker in Feuerland

01.06.2010 21:54:38
57.Seetag – Log:6701sm – Mit 35kn NW-Wind im Rücken rauscht Horizons nur mit ausgebaumter Genua voran. Muss die Lady bremsen! Bei diesem Eintrag laufen wir vor Topp und Takel ab, weil wir sonst die Tide in der gefürchteten Le Maire Strait nicht erwischen. Querab erkenne ich die zerklüftete Küstenlinie Feuerlands und die schneebedeckten Darwin-Kordilleren. Es ist das erste Land, das ich seit dem Start in Las Palmas sehe. Funke zur Sicherheit die Wachstation (LU2XPK) in der Bahia Buen Suceso an, frage nach den Gezeiten und fang mir prompt die Frage ein, was ich um diese Jahreszeit hier unten zu suchen habe? Ich antworte brav, höre Schweigen und anschließend eine dreifache Frage nach dem Warum? Die Antwort ist schon jetzt eine lange Geschichte. Mein Freund Jürgen Kleber schreibt zu den Wetteraussichten am Hoorn: „Das 2te Orkantief liegt bei 55S/90West.Wenn das "Auge" am Kap ist, Do. früh zwischen 0:00 und 06:00h, dann lets go. Wirst dann 6-7 m Welle und Nordwinde um 45 Kn haben. Bernt, ruh dich aus, koche vor und bereite dich auf alle Eventualitäten vor. Es wird eine ganz harte Nummer“

31.05.2010 23:35:37
56.Seetag – „La Escoba del Dios“- der Besen Gottes fegt mit eiskalten Westwind von der Küste Feuerlands übers Meer. Das Wetter ist nach dem Durchzug der Front klar und die Temperatur auf 4° Grad gesunken. Die letzten 2 Tage waren brutal. War so kaputt und nach der gelungenen Reparatur so aufgedreht, dass ich gar nicht schlafen konnte. Vielleicht liegt es aber auch an meiner rauschenden Wasserader, so dicht am Rumpf oder an der klammfeuchten Koje. Noch 140 sm bis zur Le Maire Strait, dem Tor zum Kap Hoorn. Der Teil des Meeres, zwischen der Isla de los Estados und Tierra del Fuego, ist berüchtigt für seine starken Winde und Gezeitenströme. Im Admiralty South America Pilot steht: Die Ströme setzen bei Flut bis zu 5 Knoten nach Nord, bei Ebbe nach Süd. Kurz nach HW ist also die beste Zeit, das Abenteuer, die 120sm bis zum Kap zu starten. Dann beginnt die Rundung des Hoorns von Ost nach West, um den neuen Ozean zu erreichen. Beten wir mal auf gutes Gelingen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob der liebe Gott mich tatsächlich bevorzugt behandeln wird.

30.05.2010 20:31:21
55. Seetag – Log:6471 sm – Die „Schreienden Fünfziger“ geben es uns richtig! Die Kaltfront eines südlich von Kap Hoorn durchziehenden Orkantiefs erwischt uns mit 40- 50 Kn. Darin rockt ein kleines blaues Schiff hoch am Südwest. Einige Wellen brechen über Deck in sich zusammen und wenn ich am Mast das Großsegel reffe, bin ich klatschnass bis auf die Haut. Horizons stampft, bockt und durchschneidet die Seen. Manchmal so brutal, dass es auf der anderen Seite des Wellentales in die See kracht und das Rigg vibriert. Bei den Bedingungen, und natürlich mitten in der Nacht, passiert es dann, dass die Aries plötzlich in den Wind schießt, weil das Ruder keinen Anschlag mehr hat. Treiben manövrierunfähig zwischen 6-8m hohen Wellen. In der Zange zwischen lähmenden Entsetzen und niederschmetternder Vorstellung den Törn abbrechen zu müssen, mache ich mir Mut gegen die wachsende Verzweiflung und komme durch Entschlossenheit an die Ursache des Problems. Ein Seilzug auf dem Ruderquadranten ist aus der Führung gesprungen. Brauche 2 Stunden in rollender See bis der Schaden repariert ist und die Anlage wieder einwandfrei funktioniert.

28.05.2010 20:10:01
53.Seetag – Log: 6206 sm - Die Berichte die man aus den Brüllenden Vierzigern kennt, nehmen auf beunruhigende Weise Gestalt an, denn die Vorzeichen kündigen einen Pampero an. Luftdruck fallend, tiefhängende Wolken u. Winddrehungen, schreibt der South Atlantic Pilot. Diese orkanartigen Winde fegen über die Pampa von Patagonien weit aufs Meer hinaus. Joshua Sloccum, der erste Einhandweltumsegler, beschrieb Anfang 1900 den Pampero als „Böe mit dem weißen Kragen“, weil die Wolke oben schneeweiß und ihre Unterseite dunkel ist. Bei solchem Wetter hätte er fast seine „Spray“ verloren. Hätte, Wenn und …..aber mit Macht näherte sich die Front. Ruckzuck reffe ich die Segel. Die ersten Böen peitschen mein Gesicht. Ganz nach Handbuch springt der Wind auf Südwest. Dann packt uns das Ungeheuer und zieht uns in seinen Bann. In den kurzen, hackigen Wellen brüllt und pfeift es ohrenbetäubend im Rigg. Die Windmessanlage staunt über die angezeigten Werte von sechzig Knoten. Das entspricht ca. 11 Windstärken. Zahlen können Eindrücke unterstreichen, aber Erlebtes nicht ersetzen. Nach 2 Std. ist der Spuk vorbei. Das Abenteuer noch nicht!

27.05.2010 21:18:27
52. Seetag – Log: 6063 sm - Die Wassergrenze namens subantarktische Front ist erreicht. Sie schlängelt sich zwischen dem 45.und 50. Breitengrad, um Kap Hoorn bis in den Norden Neuseelands. Im Bereich dieser Front sinkt schweres, kaltes Polarwasser unter die leichten warmen Wassermassen, mündet das Wasser aus den drei großen Meeren der Welt: dem Atlantik, dem Indischen Ozean und dem Pazifik, in den antarktischen Zirkumpolarstrom.
An Steuerbord prustet ein Wal. Ein Anblick, mit dem ich mich nicht lange aufhielt, denn ich hatte zu tun und nutzte die ruhige Wetterphase um Horizons technisch für das Leben am Gefrierpunkt vorzubereiten. Habe die Seilzüge der Steuerung nachgezogen. Motor- Getriebeöl und Kühlwasserfrostschutz aufgefüllt und anschl. mich in Trimm gebracht. Ohne Frostschutz im Blut fiel die Dusche bei 5° Wassertemperatur sehr kurz aus. Klimatisch betrachtet ist der Törn im Winter in den hohen Breiten zu segeln sicher keine Empfehlung, befeuert wird der Reiz allemal durch die seglerische Herausforderung und dem Versuch, in einem Jahr das zweite Mal um Kap Hoorn zu segeln.

26.05.2010 22:00:38
51.Seetag – Noch ca.700sm bis zum heiligen Berg der Seefahrt. Natürlich beobachte ich mit Spannung das aktuelle Wetter am Kap Hoorn (s.Foto). Zwischen den Tiefs mit 40-50kn Wind entsteht oftmals ein Fenster von 12-48 Std. mit schwächeren Winden. Die muss ich erwischen, um nach der Rundung des legendären Felsen vom Kontinentalsockel (Tiefe 60m) zu kommen. Erwischt uns auf dem Schelf eine Front, entstehen die gefürchteten Monsterwellen, bei denen ich gegenan keine Chance habe. Man darf aber nicht zulassen, dass die Angst davor alles bestimmt und das Denken vollständig einnimmt, denn sonst bleibt kein Mut für das, was wichtig ist. Jedenfalls mach ich mich mit den Aussichten nicht verrückt. Wohl auch weil ich mit den Stürmen und Orkanen bisher besser fertig geworden bin, wie mit den Flauten. Dieser Mix ist meine Challenge. Deshalb bin ich unterwegs. Auch, weil ich grad den dreifach herrlichen Genuss einer simplen Tüte Haribo erlebe, während ich dieses morgens um 4h im Schein der Kopfstirnlampe, eingemummelt in 5 Lagen Wäsche, unter einem sternenklaren Himmel, bei der Nachtwache schreibe.

25.05.2010 20:20:59
50./220.Seetag – Log: 5843/28.190sm - Neben der Süllkante rauscht die See zum Greifen nah. Ein grünweißes Zischen und Schäumen. Die „Roaring fortys“ zeigen sich von ihrer wütenden Seite. Die Fahrt wird wild. Hoch am Südwest staubt Horizons über silberne Wellenkämme. Doch diese Bedingungen sind es, die intensive Eindrücke hinterlassen, weil aus grauer Melancholie oftmals wunderschöne Wasserlandschaften wachsen. Die Region der südlichen Breiten, die in den nächsten Monaten unser Zuhause sein werden, hat kein anderer besser beschrieben als Joseph Conrad, doch lassen wir den Mann selbst erzählen: “Der Westwind ist ein viel zu mächtiger Herrscher, als dass er sich zu verstellen brauchte. Er ist kein kühler Rechner, der finsteren Herzens Pläne schmiedet, und er ist zu stark, um kleine Kniffe anzuwenden. In allen seinen Stimmungen liegt Leidenschaft, selbst seiner heiteren Tage. Er ist der Meere ein und alles und wie ein auf dem Thron erhobener Dichter prächtig und schlicht, barbarisch und nachdenklich, großzügig, wandelbar und leicht erregbar“

24.05.2010 15:35:29
49./220.Seetag – Log: 5710sm/28.190 sm – Manchmal weiß ich nicht mehr welcher Tag ist. Deshalb hab ich wohl Pfingsten glatt versäumt. Meine Zeit besteht aus nichts anderem, als dem Wechsel von Hell und Dunkel. Eine Uhr ohne Zeiger. Geografisch befinden wir uns querab von Puerto Madryn/Patagonien am Golfo San Matias. Eine bekannte Bucht, zu der die Wale aus der Antarktis ziehen, um in wärmeren Gewässern ihre Babys zur Welt zu bringen. Die Tierwelt um uns herum ist eine andere geworden: Robben umspielen das Schiff, Pinguintrupps schießen durchs Wasser und die Delfine (s.Foto) haben eine andere Zeichnung und nennen sich nach Magellan. Bin dankbar für diese Begegnungen die mir ein Lächeln schenken und mich ablenken. Wohl auch, um nicht an die Eiseskälte und Verlassenheit zu denken, die in den nächsten Monaten noch vor mir liegen. Der Wind hat nur eine Erinnerung hinterlassen. Lag 2 Tage in einer Flaute mit nieselnder Gräue. Meine Verachtung dafür könnte sich in Flaschen abgefüllt, gut als Rattengift verkaufen lassen. Während ich dieses niederschreibe, drischt Regen ans Fenster. Die Nacht kommt früh und mit ihr kommt die Kälte.

21.05.2010 01:18:53
45.Seetag – Log: 5429 sm – Arschkalte Nacht bei 5°. In den südlichen Ozeanen hab ich das Gefühl, als explodiere der Sternenhimmel in seiner ganzen Pracht. So klar ist das Licht, so greifbar das Universum. Das Kreuz des Südens hängt wie ein sakrales Monument am Himmel genagelt, Orion steht im Zenit. Der nächste Stern zur Erde, Proxima Centauri, ist dagegen mit dreiundzwanzig Billionen Meilen schon etwas weiter entfernt. Er ist nur einer von einigen hundert Milliarden weiteren Sternen, die zusammen das ergeben, was wir die Milchstrasse nennen. Ein Universum für sich. Unter dieser Schönheit verliert sich der Winzling Mensch, der zwar bei den blitzenden Lichtern im Universum in klugen Theorien über thermonukleare Explosionen spricht, aber durch keine Logik den romantischen Zauber einer Nacht erklären kann, die von den funkelnden Sternbildern ausgeht. Halt mich in der Nachtwache mit einer Mug Kakao und einem Schuss Rum auf Temperatur. Doch richtig warm wird mir wohl erst wieder bei meiner Rückkehr in den Südatlantik nach Cape Hope. Dafür muss ich nur noch lebend die Südmeere hinter mich bringen.

19.05.2010 23:50:26
43.Seetag – Log: 5330 sm - Das Meer hat sich von 32° am Äquator, auf 8° abgekühlt. Das hat den Vorteil, dass die Wassertanks jetzt super gekühlt werden und dadurch das angerührte Milchpulver einfach besser schmeckt.
Kurz vor den brüllenden Vierzigern ist vom Wind keine Spur! Die Batterien kollabieren im Freudentaumel, denn über ein paar Stunden rasselt der Diesel.
Gegen Abend huscht eine Ahnung von Wind über die blanke See. Der Lärm der Maschine erstirbt und überlässt der Landschaft wieder den uralten Lauten. Was dann in Ruhe an einem vorbei zieht, sind Eindrücke die besonders intensiv sind. Der Wert einer Segelreise steht eigentlich im umkehrten Verhältnis zur Geschwindigkeit. Horizons läuft unter Segeln ca. 7 Knoten. Ungefähr so flott wie ein Spaziergang. Bei jeder Art von Fortbewegung die schneller ist als ein Mofa, kommt die Seele nicht mehr mit.

18.05.2010 11:33:40
42. Seetag – Log:5216 sm – Der Wecker rasselt. Ich hatte geschlafen, was für Leute die allein segeln gelegentlich vorkommt. Schreck auf, ohne zu wissen ob Tag oder Nacht ist. Draußen ist es schwarz wie im Bauch eines Wales, keine Sterne, kein Mondlicht. Es ist eine Zeit, von der Goethe sagt, dass in ihr das Gute schläft und das Böse wacht - denn es war Mitternacht und Neumond. Am Horizont tanzen ein paar Lichter von Fischerbooten die an der Schelfkante die Hoffnung auf volle Netze haben. Ganz selbstverständlich ist das leider nicht mehr. Die Zeiten sind wohl vorbei, als auf dem wogenden Deck im Arbeitslicht die Fischberge glitzerten, wie eine Halde von flüssigem Silber. Die Nacht verstreicht ohne Schlaf. Starre in die Schwärze, bis die Schwärze zu Grau verschwimmt. Die Temperatur ist schlagartig gefallen. Fleeceklamotten und lange Unterhose schaukeln erwartungsvoll am Haken.
Das Feuer das meine Begeisterung heizt, ist Segeln. Es hält mich im Geschirr. Tag und Nacht. Nacht und Tag. Auf Langfahrt gibt es keine Zeit. Das Maß ist einzig und allein der Vormarsch der kleinen Kreuze in der Seekarte.

17.05.2010 12:36:53
41. Seetag – Log: 5134 sm - Wir haben die Passatzone verlassen. Für mich schließt der Sommer das Buch. Es herrscht Herbst und der Winter naht. Das ganze Wochenende kreuze ich gegen 30knoten aus Süd-Südwest in der Mündung des Rio de la Plata. Der kalte Wind knattert in der Schwerwetterjacke und hetzt die See mit Macht auf das Kontinentalschelf, wodurch sich chaotische Wellen auftürmen. Horizons scheint das alles nichts auszumachen. Sie wird zwar durch mich in eine bestimmte Richtung gezwungen, aber der Schwachpunkt dieses Unternehmens bin ich. Die Augenschwellung geht zurück, die Wunde verheilt gut, aber die starken Kopfschmerzen halten seit Tagen an. Die Tabletten kreisen schwerfällig im Blut. Bewege mich wohl dadurch tapsig durch ein fremdes Gehege, ohne zu bemerken, dass sich alle nach mir umdrehen: Delfine, Albatrosse und Möwen. Selbst ein Spatz kommt kurz mal auf Besuch. Setzt sich auf den Fensterrahmen (siehe Foto), schaut sich von innen die Flugshow seiner Artgenossen an oder sucht eine Mitfahrgelegenheit nach Kap Hoorn – noch 1100sm.

14.05.2010 12:25:43
38.Seetag – Log: 4784 sm - Horizons spaltet eine braune Masse von Sedimenten die aus dem Rio de la Plata mit der Tide weit ins offene Meer hinausgespült werden. An dem drittgrößten Fluss der Erde liegen interessante Städte, die ich vor 8 Jahren mit Auryn auf meiner ersten Weltumseglung besuchte: Urugays Hauptstadt Montevideo vermittelte neben ein paar mächtigen Wolkenkratzern eher etwas von Kolonialzeitatmosphäre mit Häusern, auf deren Fassaden die Patina des letzten Jahrhunderts bröckelte. Dann quer über den teilweise sehr flachen Rio de la Plata nach Buenos Aires. Klingt lässig, waren aber fast 200sm durch ein Minenfeld von Fahrwasser- und Gefahrentonnen. Auryn nickte der imposanten Skyline einer zwölf Millionen Metropole zu, während ich durch das Altstadtviertel San Telmo marschierte und der Seele Argentiniens begegnete, welche in der Musik des Tangos liegt. An diese Bilder lässt sich bei schwachen Winden im Sonnenuntergang bei wunderbar denken, während ein Albatros über eine ruhige See gleitet, der Wein sich rubinrot im Glas räkelt und sein schwerer Duft meine Müdigkeit anschiebt.

12.05.2010 11:54:29
36.Seetag – Log: 4545 sm - Querab von Urugay. Sturm, schwere Schauerböen, sternlose Nacht. Wie ein eiserner Vorhang senkt sich der bleierne Himmel. Der ganze Raum zusammengepresst, erwürgt vom schwarzen Gewicht. Dazwischen Wetterleuchten oder ein leiser Blitz. Fühle die Spannung, weit hinaus in die geladene Luft. Hinter uns krachen Wellen schäumend ineinander, als wären sie frustriert, dass sie Horizons nicht erwischen.
Die See baut sich sehr hoch auf. Spüre die Gefahr, die in den schiebenden Wellen steckt. Das Herz das eben noch voller Liebe für die See war, ist nun dem Misstrauen gewichen. Hinter den Wasserbergen passiert etwas, was ich nicht sehen kann. Meine Lippen bewegen sich, als versuchen Worte einen Weg nach draußen zu finden. Drei Uhr morgens ist eine verdammt tote Zeit. Man ist dann auf dem Tiefpunkt, körperlich und mental. Wehrlos scheinen dunkelste Phantasien wahr zu werden. Ich weiß, das ist nur ein Gemütszustand. Ein biorhythmisches Loch, aus dem ich mit dem ersten Tageslicht wieder herausfinde.

11.05.2010 12:01:13
35.Seetag – Log: 4377 sm – Rock’n & Roll. Horizons segelt hoch am kräftigen Südost. Bei jedem Einstampfen in die See brechen sich die Wellen über das Deck und die Gischt fliegt in waagerechten Schichten. Die Luft schmeckt nach Salz, die Lage an Bord ist ungemütlich. Frühstück bei 30° Schräglage: Kaffee suppt aus dem Becher, das Spiegelei entdeckt die Schwerkraft und wird vom Boden gegessen. Es fällt schwer über Sinn und Unsinn dieser Gegenan Tour zu sinnieren. Denn was bedeutet schon Vernunft auf einem Schiff. Nach den Maximen der Vernunft unterwegs zu sein, heißt nichts anderes, als auf die Freuden des Außergewöhnlichen zu verzichten. Die letzten wärmenden Sonnenstrahlen und noch 1700sm bis Kap Hoorn. Die Wetterlage wird instabiler. Das nächste Sturmtief rückt an und die ersten Albatrosse, meine Begleiter in den nächsten Monaten, schweben achteraus. Es gibt eine Art von Wehmut wenn sie davonfliegen. Auf die gleiche Weise, wie ich Freude empfinde, wenn sie zurückkommen. Teile mit ihnen den Rest des Bonitos, davon hab ich drei Tage gegessen.

10.05.2010 11:21:16
34. Seetag – Log: 4238 sm – Es wird herbstlich in den südlichen Breiten, auch ins Barometer kommt Bewegung. Das erste Sturmtief rauscht mit 45Kn in die Tücher und dazu zappelte ein Bonito an der Schleppangel. Doch im Traum des Unterwegssein holt mich die Wirklichkeit des Chaos ein. In der Nacht schreckt mich ein heftiger Knall aus dem Schlaf. Der Schnappschäkel am Fall der Kutterfock ist gebrochen. An Deck flattert das Segel wild um sich schlagend. Während ich versuche es zu bändigen, erwischt mich das freiliegende Fall mit Restschäkel am Kopf. Der Schlag hinterlässt einen tiefen Kratzer. Blut läuft über die Stirn, die Welt verschwimmt vor meinem Auge, Petrus kichert leise und kleine Englein singen.
Hab zwar die Spannung über ein paar Zeilen brutal aufgebaut, muss aber gestehen: So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Jedenfalls bekomme ich noch die Zähne in den Fisch, studiere mit halbgeschwollenen Auge die graue See und den aktuellen Wetterbericht. Aber meine Entscheidung freie Kurse zu segeln, ist so frei, wie das Wetter, das auf mich keine Rücksicht nimmt.

07.05.2010 11:03:29
31. Seetag – Log: 3870 sm - Eine leichte Brise füllt das Segel. In dem Bild liegt etwas Entspannendes. Alles Kämpferische löst sich darin auf. Dann kommt die Flaute. Die pürierte Masse verteilt sich groszügig und stumpf vor sich hin brütend in der Kulisse. Nutze die ruhige Phase um den Wasserpass zu säubern. Bewaffnet mit Spachtel, angezogen mit Taucherbrille und Flossen jumpe ich über Bord um den Entenmuscheln auf den Pelz zu rücken. Unter mir gähnt die Tiefe. In Zahlen: 4600m. Man stellt sich den Ozean gerne blau vor, durchzogen von bunten Fischen und schimmernden Lichtadern, aber das ist ein Irrtum. In Wahrheit ist er schwarz, keine Nacht unter dem mondlosesten Himmel könnte dunkler sein. Denke an die Opfer von Flug AF 447, von Sao Paulo/Brasilien gestartet. Wie lange dauert es wohl bis ein Flugzeugrumpf den Grund des Meeres erreicht? Kein Mensch ist je dort unten gewesen oder besser, keiner ist von dort je zurückgekommen. Da unten ist eine lichtlose Welt. Bewohnt von riesigen Alptraumwesen, deren Tentakel voll gezähnter Saugnäpfe, einige davon bis zu 16m lang, mitunter an die Küsten geschwemmt werden.

06.05.2010 11:30:42
30. Seetag – Log:3759 sm – Weit an Steuerbord liegt (nach Luzern) die wohl schönste Stadt der Welt: Rio de Janeiro. Ein Name der auf der Zunge tanzt. Synonym für Blütenpracht und Lebensfreude. Auf meiner ersten Weltumseglung hab ich mit Auryn direkt am Zuckerhut vor Anker gelegen. Das Foto von 2002 zeigt den Blick vom Corcovado. Zurück in die Gegenwart: In der Nacht erinnert der zunehmende Schifffahrtsverkehr an Rio. Dazu gerät Horizons in ein Feld von hin und her kreuzenden Fischerbooten. Halte die ganze Nacht Wache. Die ersten Stunden am Ruder vergehen wie im Flug. Weit nach Mitternacht überfällt mich aber eine grenzenlose Müdigkeit und spaltet mich in zwei Teile: dem willenlosen Körper und dem Bewusstsein, das mit aller Macht wach bleiben will. Reiss mich hoch, trimme die Segel, aber ein leichtes Vibrieren im Rigg bleibt. Doch das reicht nicht, um die Müdigkeit von der Seele zu schütteln, denn der Körper will Schlaf, das Herz Liebe und ein tiefer hängendes Körperteil möchte vermutlich auch noch was. Und was will mein Schädel? Der fragt sich: Was mache ich eigentlich hier. Aber das ist wohl die Kernfrage eines jeden Reisenden.

05.05.2010 10:42:39
29. Seetag - Log: 3618 sm - Der Südostpassat knickt ein. Berge die Kutterfock, roll die Genua ein und zieh den Blister hoch. Schreibt sich in einer halben Minute, die Arbeit dauert fast eine Stunde. Danach kurze Aufregung an Bord. Es riecht verdächtig nach verbranntem Kunststoff in der Stromverteilung. Ursache: Im Sicherungsautomaten der Inmarsatanlage schmort ein Kabel. Versuche mich mühsam daran zu erinnern, wo ich die Ersatzsicherungen deponiert habe, doch das dauert. Angeblich soll das Schimpansengehirn fünf Speicherplätze im Gedächtnis haben, der Mensch dagegen sieben. So gesehen, sind wir evolutionär nicht wirklich viel weiter gekommen. Endlich entblößt sich der Schleier der Erinnerung und schenkt mir liebenswürdig, wonach ich suche. Sicherung und Kabel gewechselt, Problem gelöst. Jede Handlung auf dem Schiff kostet Zeit, sehr viel Zeit. Beim Volvo Ocean Race around the world sitzt eine vollzählige Besatzung an Bord. Hier bin ich allein, verrichte aber die gleichen Handlungen. Es ist noch eine verdammt lange und harte Reise und Horizons hat in einigen Monaten mehr zu verdauen, als die meisten Yachten in ihrem ganzen Leben.

04.05.2010 10:19:11
28. Seetag - Log: 3501sm - Auf meiner To do Liste steht heute ein Krabbelgang in die Achterpiek: elektrische Kontakte des Tuners für die Kurzwellenfunkanlage auf Korrosion checken und die Wellenanlage auf Wassereintritt prüfen. Was kann ich noch berichten: Hatte gestern zum Concerto de Aranjuz ein schönes Telefongespräch mit Anita. Die Gespräche über Satellitentelefon sind mein Anker, mein Halt, aber gleichzeitig heult mein Herz. Nähe ist keine Frage der Distanz, sagt meine Frau. Starke Worte und als sie auflegt, fühlt es sich an wie ein volles Orchester - einmal quer durch den Körper.
Bei allem Verständnis ist meine Welt den Erdbewohnern nur schwer zu erklären. Eine Welt, in der man sich selbst begegnet. Hier gibt es keine Beziehungen, keine Kompromisse. Hier gibt es nur die See und unendliche Weiten. Darauf ich selbst, mein Ego, das in dieser Umgebung sehr klein ist. Die See kennt keinen Meister, die See ist Herr jeden Augenblicks. Und ich bin da, wo ich hingehöre, im Einklang mit dem Ozean, der mich irgendwann an seiner Seite akzeptiert hat.

03.05.2010 10:05:42
27. Seetag – Log: 3356 sm – Unter der Attacke einer rhythmischen Samba, segelt Horizons im frischen Südost-Passat ein paar hundert Meilen entfernt der Küste von Brasilien - Querab von Porto Seguro. Eigentlich nicht erwähnenswert, wenn dort nicht der Seefahrer Antonio Cabral im April 1500 an Land gegangen wäre, um die Flagge Portugals in den Sand zu rammen. In wehender Soutane folgte der Abgesandte des Papstes und weihte das südamerikanische Land. Der Auftrag des Königs und der Kirche war klar: Land und Gold für die einen, das Christentum, notfalls mit Gewalt, für die anderen.
2002 bin ich mit Auryn die gesamte brasilianische Küste abgesegelt. Das klingt lässig. Aber man muss sich vorstellen, das Brasilien ca. 12x so groß ist wie Deutschland! Im blutrot lodernden Gemälde der Sonne beginnen in der Fantasie die Bilder wieder zu leben. Alte Kolonialhäuser dösen im Schlaf des Vergessens, überall ist Musik, die Herzlichkeit u. Gastfreundschaft der Brasilianer. Natürlich auch Cachaca, Limette und Eis. Unter diesen Eindrücken leerte ich die gedachte Caipirinha und kroch in die Koje.

30.04.2010 09:15:36
24. Seetag – Log: 2977sm - Kurze Unterbrechung des Segel Dolce Vita. Vor dem Bug steht eine schwarze Wand mit zuckenden Blitzen. Das Tor zur Hölle kann nicht eindrucksvoller sein. Der Donner wandert heftig im ersten Stock hin und her und der Himmel bebt. Auch wenn das tropische Gewitter für diese Breiten nicht sonderlich spektakulär erscheint, ist es nicht ratsam an solchen Zorntagen lässig im Dienst unterwegs zu sein. Vor Dantes Inferno reffe ich die Segel zeitig und bändsel an Deck alles fest, was die See mir nehmen kann. Die Sturmfront erwischt uns mit 40knoten und sintflutartigen Regengüssen. Nackt, nur der Vollmond schaut zu, berge ich die Kutterfock. Horizons liegt dadurch kursstabiler in der See und die Aries, meine mechanische Windselbststeuerungsanlage, hat weniger Arbeit. Muss sie etwas schonen. Vor ihr liegen noch die wildesten Seegebiete und in den südlichen Kampfzonen müssen wir beide fit sein. Die Aries steuert Tag und Nacht. Das einzige was sie hin und wieder braucht ist etwas Fett auf die Zahnräder oder ein paar neue Steuerungsleinen. Die Schlechtwetterfront ist durch. Alles heil geblieben Darauf ein Bier, ist gut fürs Schädelfluten.

29.04.2010 09:59:15
23. Seetag – Log: 2868 sm – Wer die Tropen kennt, erzählt gerne, dort werde es schlagartig dunkel und ebenso plötzlich wieder hell. Ich hab die Wechsel von Tag und Nacht nie so abrupt erlebt, denn lange bevor die Sonne aufgeht, kommt das Licht. Und diese Zeit mag ich. besonders. Im Schatten der Stille schau ich über das Meer. Wenn die Hitze kommt, verkriech ich mich in bester Gesellschaft mit „Darwin“ von J. Neffe in den Schutz der Sonnenpersenning. Bei den tropischen Temperaturen heizt sich die Aluminium Haut von Horizons extrem auf. In der Alu-Büchse sind es locker 38°. Die Haut ist nass.Eine Fliege mit miesem Karma nervt und leckt gierig am Schweiss. In diesen Feuchtgebieten, nicht zu verwechseln mit der Muschi-Prosa einer gewissen Frau.Roche, kann ich in der Koje nicht schlafen. Deshalb penn ich unter der Himmelsgeometrie. Achteraus ein Bild zum Träumen. Im Kielwasser reflektiert das Licht des Mondes eine breite Spur von geriffeltem Silber. Im Traumlauschen und dem Moment der Vergänglichkeit, zieht Horizons ihre Bahn in die Unauslöschbarkeit der See. Begleitet vom Knarren des Riggs und dem Schweigen der Sterne.

28.04.2010 10:13:50
22. Seetag – Nach Möglichkeit nutze ich bei der Navigation die großen Meeresströme. Und so steigen wir langsam auf die Transportgesellschaft namens Brasil Strom, die mit 1-2 Kn ca. 300 Seemeilen parallel zur brasilianischen Küste in Richtung Südwest zieht. Weiterhin schönes Passatsegeln, wenn auch gelegentlich unterbrochen durch heftige Regensqualls.
Nach dem Abendessen, Rührei mit Bratkartoffeln, fehlte eigentlich nur noch der Kellner und der mehrstöckige Dessertwagen mit Panna Cotta, Crema Catalana, Tiramisu…Stattdessen gabs zum Vollmond auf der Terrasse mit Meerblick “Cool Change” von der Little River Band. Lyrics: “I know that it's time for a cool change. Well, I was born in the sign of water and it's there that I feel my best the albatross and the whales, they are my brothers and it's kind of a special feeling when you're out on the sea alone staring at the full moon like a lover” Es war, als ob die See ihr Rauschen einstellte, um den Klängen zu lauschen und der Vollmond nur deshalb hinter den Wolken hervorlugte, um zu schauen, wie sich Horizons im Takt der Musik bewegt.
(Danke an Günther “Capricorn ”)

27.04.2010 10:14:00
21. Seetag – Log: 2591 sm – Achtung Gegenverkehr ! Hatte gestern eine Begegnung der besonderen Art mit einer Kolonie blau schillernder Segel, die schon Kolumbus in seinem Logbuch beschrieben hat: Portugiesische Galeeren Jene Quallenart, die vom Baumeister der Evolution mit der interessanten Eigenschaft ausgestattet wurde, ihre Rückenpartie gasgefüllt senkrecht ca. 20cm aus dem Wasser ragen zu lassen. Damit segeln sie sozusagen wie eine Yacht vor dem Wind. Eigentlich müssten diese Quallen nur noch eine schwarze Flagge mit gekreuzten Knochen auf ihrer Glibbermasse tragen, um sie für das zu kennzeichnen, was sie transportieren: Den Tod! Vorausgesetzt man kommt ihnen zu nah, greift ihnen eher unbedacht in ihre Unterwäsche und es ist nicht zufällig ein Arzt in der Nähe. Denn so putzig diese Tierchen mit ihren wackelnden Segeln auch aussehen, unterhalb des Gelees zieht die Galeere ein schleppendes Gestrüpp aus hocheffizienten Gift-Tentakeln hinter sich her. Kommt man mit ihnen in Berührung, durchschießen hunderttausende winzige Pfeilchen die Haut des Opfers und injizieren ihm Stoffe, die seine Blutkörperchen und Nervenzellen blockieren. Lähmung, Atemstillstand, Herzversagen sind die Folge.

26.04.2010 09:52:49
20. Seetag – Log: 2434 sm – Ein Wochenende mit ständigen Regenschauern, Gewittern, umlaufenden Winden und heftigen Squalls. Doch nun hat sich der Südostpassat durchgesetzt. Horizons rauscht mit 7 bis 8 Knoten durch eine aufgewühlte See. Die Aries schnurrt und steuert souverän. Keine Schiffe, kein Ausfall von Technik. Nur ein Riesenfisch, der mit Köder, Blei und Angelleine abgehauen ist.Was hab ich noch so angestellt: Gestern war ich zum wöchentlichen Riggcheck im Mast. Mit festen Trittstufen ist das selbst bei Fahrt kein Problem. Unter mir trieb Horizons, über mein Gesicht strich salzig der Wind. Wellen schimmerten im strömenden Licht, umfangen von der flirrenden Leere des Südatlantiks. Das Bild erinnert mich daran wie klein ich darauf bin, wie allein und wie sehr ich das liebe. Ich bin gern oben am Masttopp, näher am Himmel, wo der Wind die Unsicherheit davon trägt. Auch wenn es dort nur ein paar Zentimeter zum Tod sind, sollten wir uns hüten, unser Schicksal unnötig herauszufordern. Aber wenn wir es uns aussuchen könnten, lese ich in der WELT, träfe uns Hartes am günstigsten zwischen 15 und 35. Da bin ich (gefühlt) knapp drüber. Soweit zur Statistik. Aber die ist zu 95,8% gefälscht.

23.04.2010 09:50:54
17. Seetag – Log: 1950 sm - Die Äquator-Taufe fiel aus. Statt Kaspertheater, ein Bier. Die Welt steht wieder Kopf und das 1. Etappenziel ist abgehakt. Wenn alles gut läuft, steure ich mein nächstes Ziel direkt an. Verschlechtert sich meine Stimmung, setze ich die Waypoints enger. Manchmal ist es der nächste Längen- o. Breitengrad. Am Ende steht immer eine Belohnung: Eine Dusche, frische Klamotten, eine Tafel Schokolade oder alles zusammen! Der nächste Meilenstein heißt Kap Hoorn, 3900 Seemeilen entfernt. Möchte nun gut voran kommen, auf der Südhalbkugel ist der Herbst im Anmarsch, wenn ich am Hoorn bin, herrscht dort Winter. Die Weite, der gnadenlose Plan. Wenn die Klaviatur der Selbstzweifel kurz, nur kurz über dich kommt, wird dir das ganze Ausmaß an Verrücktheit, der Wahnwitz der Entscheidung bewusst. Aber auf dem Meer kann man nicht einfach die Stopptaste drücken. Losfahren heißt, die Konsequenzen tragen. Der Ozean grinst “Das hättest du dir früher überlegen sollen“ Das Foto zeigt Kap Hoorn bei der ersten Umrundung und es sagt: „Komm nur, aber so einfach wie im Januar, mache ich es dir diesmal nicht“.

22.04.2010 09:34:50
16. Seetag – Log: 1809 sm - Guten Morgen. Es ist halb zehn UTC und das Logbuch vom kleinen Seemann macht folgendes kund: Was seit dem Start in Las Palmas bisher geschah ist nicht so wichtig, doch heute ist ein besonderer Tag: Ein Deja Vu’ im Jetzt. Wir segeln innerhalb eines Jahres das dritte Mal über den Äquator und sind auf einer zweiten Weltumseglung! Bin sehr froh, dass ich in der Region der Mallungen, jener Zone des subtropischen Hochdruckgürtels die bei den Seefahrern verflucht ist, weil sie sich durch zermürbende Windstillen auszeichnet, bereits jetzt einen Hauch vom Südostpassat erwische und unter voller Besegelung, Großsegel. Genua, sowie Kutterfock gut voran komme.
Im Reich der Stille betete ich leise und klopfte anschließend einige Male aufs Holz. Nicht um meine Glücksengel aufzuschrecken, sondern um die Mehlwürmer aus dem Brot zu klopfen, die als blinde Passagiere in tropischen Gewässern zum Schiffsalltag gehören. Soweit mein Ausblick knapp vor der Linie. Schließ jetzt mal den Laptop und wünsch Euch einen schönen Tag.

21.04.2010 09:18:05
15. Seetag – Die Nähe zum Äquator wird fühlbar. Lufttemperatur 37°, Luftfeuchte 90% und kaum Wind. In der Schwüle zerschmilzt die Zeit, zerkochen die Stunden. Fühle nichts als den brennenden Andrang heißer Luft. Bin bekalmt und gereizt. Auch die Milch wird sauer. Selbst ein kurzes Bad im dritt-größten Pool der Welt bringt bei 31° keine wirkliche Abkühlung. Segel unter dem Blister in die Dämmerung, während sich die Sonne theatralisch in die Fluten sinken lässt. Das Publikum zollt ihr beim Abgang die gebührende Bewunderung, derweil sich am Horizont Azur und Pastell eine letzte Schlacht liefern. Dann kommt das Leichentuch der Nacht und löscht das lodernde Schauspiel aus. Zeit für das Abendessen. Im Vorschiff von Horizons riecht es wie auf dem Wochenmarkt nach reifem Obst und duftendem Gemüse. Futter allmählich gegen die Fäulnisbakterien an. Bevor ich wieder zu den leckeren Fertigprodukten von RILA greife, koche ich das, was ich am besten kann: Kartoffelsalat mit Spiegeleier. Einfache Kost, schließlich ist Krise!

Foto: Fortsetzung zum gestrigen Treffen auf See mit Judith u. Soenke Roever

20.04.2010 09:48:32
13.Seetag – Log: 1584 Seemeilen - Von außen betrachtet stellt sich unser Planet u.a. als schillerndes Sammelsurium von Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten dar. Obwohl er zu 66% mit Wasser überzogen ist und statt Terra, eigentlich Aqua heißen müsste, kommt es auch auf den riesigen Wasserwüsten zu eigenartigen Zufällen. Das gestrige Treffen mit Judith u. Sönke Roever und ihrer „Hippopotamus“ war ein solches Ereignis. Zeit für Film u. Fotoaufnahmen, Apfelkuchenübergabe!!! (selbst gemacht von Soenke) und nette Gespräche in Rufweite. Im Geschenk der Begegnung wünschten wir uns eine Gute Fahrt und zogen weiter: Sie mit Ziel Kapverden, Horizons Richtung Kap Hoorn. Auch wenn wir unterschiedliche Kurse steuern, eines bleibt uns vermutlich gemeinsam: Wir werden es nicht einfach haben, wenn wir nach der langen Zeit auf See zurück in die sogenannte Zivilisation kommen. Aus vielerlei Gründen werden wir uns anpassen, doch tief im Innern, lebt in uns der Rumtreiber weiter. Denn das Ende eines Traumes, ist meistens auch der Anfang eines neuen Abenteuers.
Infos zum Törn von Judith und Soenke unter www.hippopotamus.de

19.04.2010 09:13:37
Auch am 12. Seetag, nach 1469 Seemeilen, bleibt es ein sanftes Segeln in einer Passat- Region, in der ich eigentlich das Dröhnen des Meeres erwartet hätte und nicht diese dumpfe, beharrliche Ruhe. Aber sag’ noch mal einer auf dem Ozean sei nichts los! Hatte am Wochenende via Kurzwellenfunk und sailmail Kontakt mit 2 dt. Schiffen, die sich ebenfalls auf dem Meer herumtreiben. Die „Hippopotamus“ mit Judith und Soenke kommt mir auf Heimatkurs entgegen, vielleicht klappt es heute mit einem Treffen auf See. Mein Freund Micha Wnuk ist mit seiner „Iron Lady“ von Kapstadt nach Rio de Janeiro unterwegs. Welteisende die mit ihren Booten über Ozeane segeln. Das Meer trennt nicht, sondern verbindet. Und doch ist es die die rauschende Gegenwelt zur Hektik aus der wir kommen. Zu Zebrastreifen, Aufzügen, digitalen Leinwänden, nervös geschnittenen Werbespots und Regeln. Viele Menschen fühlen eine Sehnsucht danach, sich selbst zu spüren. Auf See, unter Segeln, spürst du dich und deinen Körper unmittelbar. Du entdeckst die Langsamkeit, fühlst das Salz auf der Haut, den Himmel über dir und das glitzernde Meer. Das ist ein sehr purer Zustand.

16.04.2010 10:24:36
9.Seetag – Log: 1108 sm - Mit Deutsche Welle Schlager zum Nachtdienst angetreten, dazu der Neumond. All das hat entscheidend zur Zermürbung beigetragen. Im Strudel der Finsternis zogen wir durch eine pechschwarze Nacht. Am Horizont flimmerten geheimnisvoll ein paar Lichtoasen, wahrscheinlich Fischer. Bin in dieser Region auf der Hut, denn es kreuzen Dampferrouten vom amerikanischen zum afrikanischem Kontinent. Das erfuhr ich jedenfalls über Funk von jenem Offizier, welcher auf dem Tanker Dienst tat, der am Nachmittag unser Kielwasser kreuzte (s. Foto) Zur Sicherheit lasse ich nachts das Radar mitlaufen. Für den Rundumblick schreckt mich der Wecker alle 20 Min. aus dem Schlaf und morgens die ersten Strahlen der Sonne aus der Koje. Nach dem Morgenspaziergang über Deck zur allgemeinen Kontrolle des Riggs, Frühstück u. Gymnastik (heute mit Amy MacDonald, „A Courious Thing“) Dann Bürozeit. Beantwortung von Post. Auswerten von Wetterkarten, Navigation, Logbucheintrag mit Schreiben dieses Blogs und ….doch Schluss jetzt. Wasser kocht. Muss mich mal rasieren. Wer weiß, wer heute noch vorbeischaut ,-))

15.04.2010 09:53:22
8.Seetag - Allmählich kommt der Passat, dreht auf Ost, sodass ich mit halben Wind, zum gesetztem Blister, das Großsegel ausrolle. Horizons springt sofort an, das Kielwasser gurgelt leise und ich freu mich jetzt ohne großes Getöse unterwegs zu sein. Gleichwohl reizt mich die Herausforderung, sich an etwas zu wagen, was noch kein Segler vor mir gemacht haben soll. Im antarktischen Winter um Kap Hoorn, durch die südlichen Ozeane, gegen Wind und Strom. Im Zusammenhang einer Reise, auf dieser Route 2x um die Welt zu segeln. Dieses Mal möchte ich es nonstop machen! Ha, das Schicksal liebt es, diese Worte mit einem Sprengsatz zu versehen. Vielleicht falle ich dabei auf die Schnauze. Egal. Dann hab ich’s zumindest für mich versucht. Ganz sicher aber werde ich eine Achterbahnfahrt der Gefühle erleben und über Hindernisse stolpern, die es mir schwer machen werden. Schmerz und Glück sind zwei Extreme derselben Sache. Wenn man das Leid, das kommen wird, nicht will, kann man auch den Frieden nicht finden, den man sucht. Warum das so ist? Keine Ahnung. Manche nennen es Kismet, andere sprechen vom Gesetz des Universums. Egal welchen Namen es trägt. Ich denke, es kann gelingen, wenn man es wirklich will, den Begriff Demut neu definiert, Glück hat und den Respekt vor der Natur nicht verliert.

14.04.2010 10:02:08
7. Seetag – Ein schlappes Etmal von 88sm. Warum sollte ich deshalb maulen. Vor mir liegen noch ca.300 Seetage in denen ich noch mehr Wind bekommen werde, als mir lieb sein wird. Zwischen dem Aufbruch auf lange Zeit und dem Ziel, liegt das Logbuch und die Seekarte. In diesen Fahrtenschreibern der Erinnerung schlängelt sich ein Band, das sich Meile für Meile, Tag für Tag etwas weiter abspult, aber nichts über den weiteren Verlauf verrät. Strömungen und Winde lassen dich abdriften, werfen dich zurück und da ist keine Spur, der du folgen könntest, auf einer Reise aus unendlichem Raum und Zeit. Der Weg über die Ozeane ist deshalb außergewöhnlich, weil er trotz gelegentlich kreuzender Schiffe unberührt bleibt. Du musst immer deinen eigenen Weg gehen und die ideale Route finden, die allein schon durch das Wetter einzigartig ist. Keine Routine, deshalb auch nie Langeweile. Ein Gefühl der Einsamkeit allerdings lässt dich nicht mehr los. Denn da ist kein Gegenüber, kein Anhaltspunkt in der unendlichen Weite, keine Markierung nach der du suchen könntest.
Was bleibt ist ein Ziel und die Kompassnadel, die du nicht mehr aus den Augen lässt.

13.04.2010 09:50:35
6. Seetag – Log: 752 sm – Segeln weiterhin mit dem Blister im Kern eines Hochdruckgebietes mit schwachen Winden. Querab der Kapverden wird Geschichte lebendig, denn wir kreuzen das Kielwasser der „Santa Maria“ und der Spur von Don Christobal. Hab übrigens in Las Palmas mit meiner Frau das Kolumbushaus besucht. Anita fand die bunten Papageien im Patio interessant, ich schnupperte lieber am Geruch muffiger Seekarten. Heute blättere ich im Leben von Kolumbus und lese in seinem Logbuch. Wie aufregend muss es damals gewesen sein, sich zu verfahren, um dabei und eher zufällig Amerika zu entdecken. Wie mühsam und freudlos war es dagegen, das Land zu besiedeln. Ich hatte Hunger und übernahm die Pantry. Anfangs gerieten mir die Hähnchen noch zäh, die Bohnen fad und die Kartoffeln pampig. Dann kam ich drauf, dass die Küchenmechanik, genauso wie die große Entdeckungsgeschichte, erst unter Beifügung einer Prise Wahnsinn, Salz und Pfeffer zum gewünschten Erfolg führt. Und so gerieten die kanarischen Chorizos und das Gemüsegratin beinahe so, wie die guten Fertigprodukte von RILA.

12.04.2010 10:04:04
5. Seetag – Log: 640 sm – An dieser Stelle Herzlichen Dank an alle „Mitsegler“ für die zahlreichen netten Mails mit den Guten Wünschen zur 2. Runde!
Segel seit dem Start bei eher schwachen Nordwinden. Kein Passat und kaum richtig Fahrt. Hab die Genua eingerollt, den Blister hochgezogen und ausgebaumt. Die ersten 500sm liegen im Kielwasser. Allmählich komm ich in Tritt. Antizipieren sich meine Bewegungen wieder mit dem Rhythmus des Schiffes. Auch mein Herz bemüht sich wieder um seinen eigenen Takt. Die Trennung von Anita war schwer. Die letzten Tage mit ihr in Las Palmas waren verlängerte Abschiede. Wie heißt es in einem Jazzsong „Every time we say goodbye, I die a little“ Da ist was dran. Jetzt gibt es nur noch Horizons, das Meer und erneute 30.000 Seemeilen - oder mehr.
Letzte Sonnenstrahlen liegen auf den Wolken und krönen den oberen Rand des Segels. Ein friedlicher Abend. Ein paar Delfine schauen vorbei, umspielen ihren Kumpel am Bug, während ich gegen einen melancholischen Schwall ankämpfe, der mir den Blick verschleiert. Doch tief in mir spüre ich, dass sich meine Seele aufmachen will.

09.04.2010 10:04:22
2. Seetag – Log: 239 sm - Die ersten Tage auf See sind das reinste Martyrium für den Körper. Du kommst von einem ruhigen Ort und kriechst in die Koje, in der du durchgeschüttelt und herumgestoßen wirst. Statt acht Std. Nachtruhe, hält der Ozean schlaflose Nächte für dich bereit. Jammern hilft nicht, ich hab’s so gewollt und das ist erst der Anfang. In der Nacht ein paar Schiffe querab. Der Passat weht eher schwach. Segel mit ausgebaumter Genua und gegen eine vor mir liegende Strecke, die mich in ihrer Maßlosigkeit lähmt. Gleichwohl ist diese unermessliche Weite etwas was mich fasziniert. Es ist der Horizont der nicht zu greifen ist, die sinnliche Einladung zu einer Reise in die Innenwelt. Zurück auf dem Meer. In Nächten unter freiem Himmel, ohne alles Überflüssige, ohne Zeitplan. Das Bordleben verschluckt mich, als wäre ich nie weg gewesen. Frage mich, ob ich die Tage schon immer so verbracht habe und ob ich sie immer so verbringen möchte. Ist das eine sanfte Form von Wahnsinn? Oder reinstes Glück? Die Antwort liegt eher in einer Melange aus Leidenschaft, Begeisterung und Neugier die mich antreiben, mit Vernunft und Sicherheit zu brechen.

08.04.2010 09:33:58
Von Ost nach West - 1.Seetag – Log: 92 sm - Eine Weltumseglung liegt gerade hinter mir, eine andere steht bevor. Auf die zweite bin ich neugieriger. Ein zur Wirklichkeit gewordenes Hirngespinst nimmt in Las Palmas Kontur an.14 Tage brauchen Anita und ich für die Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten am Schiff. Nächte im festen Bett. Kein Eimer als Toilette, kein Wasser per Fußpumpe. Frühling dämmert im Fenster, die Insel blüht und riecht nach Bouganvillea. Mi. 7.4.2010 – 15h: Abschied. Es ist hart, wenn der Streifen grünen Hafenwassers zwischen dem Schiff und dem, den man zurück lässt, immer breiter wird. Liebesworte rollen im Schädel hin und her, wie losgerissene Fässer in einem Schiff. Mischen sich mit Träumen und Bildern von dem, was noch kommen wird: Flauten, Orkanen, Eis und den Wüsten der Seele. Wie auf Kommando spult sich die Liste aller Gefahren vor dir ab, als wolle der Verstand dich ein letztes Mal dazu bringen, das Ruder herumzureißen und wieder Richtung Land zu steuern. Die Karten sind neu gemischt, es beginnt wieder von vorn. Der Passat rauscht in die Tücher. Kurs zum Ende der Welt, mit den zwei magischen Worten: Kap Hoorn

24.03.2010 15:05:15
Mittwoch 24.4.
Gestern mit Anita die SY Horizons 45 Sm von Puerto Rico nach Las Palmas überführt.
Das Schiff liegt nun für Reparatur- und Vorbereitungsarbeiten im Yachthafen von Las Palmas. Der Start zur 2. Runde erfolgt am 7.4.2010

Liebe Grüße aus Las Palmas von Anita und Bernt